Das Thema Flucht und Vertreibung ist weltweit Teil der täglichen Nachrichten geworden, jedoch meist aus politischen Gründen. Nur selten kommen in öffentlichen Debatten oder den Medien die Stimmen derjenigen zu Wort, die Flucht und Vertreibung selbst erleben oder erlebt haben.
In diesem Vortrag möchte ich den Blick des Publikums auf einen anderen Aspekt von Flucht und Vertreibung lenken: auf die gelebten Erfahrungen von Geflüchteten in Ländern Ost- und Südafrikas, in Belgien und in den Vereinigten Staaten. Die zentrale Frage, der wir gemeinsam nachgehen werden, lautet: Was geschieht mit den Erinnerungen von Familien und Gemeinschaften, wenn sie gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und an Orte zu gehen, die sie nie als Zwischenstation oder als neuen Lebensmittelpunkt vorgesehen oder sich vorgestellt hatten?
Im Mittelpunkt unseres Gesprächs steht die Frage, wie vertriebene Gemeinschaften durch ihre Geschichten, mündlichen Überlieferungen, Kunst und Darbietungen an Konflikte, Flucht und Rückkehr erinnern.
Auf Grundlage der Forschung des vom Europäischen Forschungsrat (ERC) geförderten Projekts „Traveling Memories, Silences and Open Secrets“ (TMSS) werden Geschichten vorgestellt, die im Rahmen gemeinschaftlich durchgeführter Feldforschung gesammelt wurden. Sie geben Einblicke darin, wie Menschen Gastfreundschaft, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Verlust erfahren.
Der Vortrag zeigt, wie Menschen ihre Erinnerungen bewahren und mit dem Schweigen umgehen, das diese Erinnerungen begleitet – insbesondere dann, wenn die Lebensgeschichten von Geflüchteten in den offiziellen Darstellungen ihrer Herkunfts-, Transit- und Aufnahmeländer immer wieder ausgeblendet werden.