Die These dieser Veranstaltung über den ‚KI‘-Angriff auf Wahrheit ist: Der aktuelle ‚Normalzustand‘ digitaler Kommunikation und Wissensproduktion, in dem die großen ‚KI‘-Sprachmodelle mit den sozialen Medien als Resonanz- und Trainingsdatenraum dominieren, zersetzt Wahrheit in deutlich größerem Ausmaß als die ‚Ausnahme‘ der Desinformations-Angriffe auf eben diesen ‚Normalzustand‘. Dieser Zersetzungsprozess ist grundlegender und schwerer abzuwehren.
Die eigentliche Krise der Wahrheit und mit ihr die Krise der politischen Öffentlichkeit kommen ganz ohne die klassische Lüge aus.
Die Krisen basieren auf systematischem bullshitting, also der massenhaften Produktion von Inhalt ohne jegliche Berücksichtigung dessen Wahrheitsgehalts – in der (politischen) Absicht, das Konzept Wahrheit abzuwerten. Der wahrnehmbare Effekt ist eine Normalisierung eines Perspektivismus als Nebeneinander von (individuellen) ‚Wahrheiten‘, die eine kollektive Frage nach wahr oder falsch unsinnig erscheinen lassen. Wahrheit erscheint dann unsinnigerweise standpunkt- und blickwinkelabhängig.
Eine Gemeinschaft, die immer weniger Wahrheit im Sinne eines gemeinsam erzeugten ‚Fürwahrhaltens‘ teilt, verliert zunehmend die Grundlage für einen politischen Aushandlungsprozess.
Das Resultat sind vielfach: Verunsicherung, Rückzug, Polarisierung.
Ein solches Diskursklima der postfaktischen Verunsicherung ist förderlich für das Erstarken autoritärer, politisch rechter bis faschistoider Strömungen. Ohne gemeinsam geteilte Wahrheit zerfällt eine Gemeinschaft innerlich und wird lediglich durch äußere, insbesondere ökonomische Beziehungen zusammengehalten.