Max Horkheimer hält den Antisemitismus »trotz der ungeheuren Bedeutung wirtschaftlicher und sozialer Tendenzen […] für ein im Wesentlichen psychologisches Phänomen« und betont damit dessen zutiefst irrationalen Charakter. Daran anknüpfend argumentiert der Vortrag, dass der Antisemitismus eine zentrale Funktion im psychischen Haushalt von Antisemiten erfüllt, ihnen einen psychischen Gewinn verschafft, auf den sie keinesfalls verzichten wollen und der sie gegen jede Kritik immunisiert. Dieser psychische Gewinn kann auch so beschaffen sein, dass er sich geradezu lustvoll manifestiert. Die Berichte über die Lust der Angreifer beim Foltern, Verstümmeln und Morden am 7. Oktober 2023 werfen solche Fragen erneut in dringender Weise auf, insbesondere angesichts der massiven sexuellen Gewaltakte, die an diesem Tag begangen wurden. Erleben die Angreifer dabei eine Form sexueller Lust? Und in welchem konkreten Sinne wird die sexuelle Gewalt durch Antisemitismus stimuliert? Unter Rückgriff auf psychoanalytische Überlegungen versucht der Vortrag die Frage der Lust am antisemitischen Wahn zu ergründen.
Es spricht Thorsten Fuchshuber (Brüssel), Autor von Rackets. Kritische Theorie der Bandenherrschaft (ça ira 2019). Jüngste Veröffentlichungen zum Vortragsthema: Der Genuss am Judenhass: Über den Zusammenhang von Antisemitismus und Narzissmus. In: Stephan Grigat (Hg.): Kritik des Antisemitismus in der Gegenwart. Erscheinungsformen – Theorien – Bekämpfung, 2023; Pogrom und eliminatorischer Antisemitismus: Über sexuelle Gewalt, Lust und Aggression am 7. Oktober. In: sans phrase, Heft 24, Sommer 2024; The Role of Sexual Violence on October 7. In: The ISCA Beinner Family Research Series on Antisemitism