"Euer Flex ist unser Grind!" - "Die Bibel fordert Schuldenerlass - Ihr verkauft uns seit 2.000 Jahren giftige Absolution!" - "Wir wollen den Erlass, nicht eure Reue-PR. Nicht euren Kuhhandel mit der Angst vor dem Tod und der Verdammung!" (so viel zu den Headlines) Und als kurzen Anzeigentext:
Im alten Israel bedeutete das Jubeljahr: Alle 50 Jahre wurden Schulden erlassen, Menschen aus Abhängigkeiten entlassen und Land an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben. Nicht als mildtätige Geste – sondern als bewusstes Korrektiv. Damit Besitz und Macht sich nicht endlos verfestigen. Damit Menschen wieder neu anfangen können.
Heute leben wir in einer Welt, in der fast alles auf Kredit basiert: Staaten, Unternehmen, Privatpersonen. Schulden schaffen Spielräume, ja – aber sie schaffen auch Druck, Abhängigkeit und das Gefühl, ständig hinterherzulaufen. Wer Schulden hat, gehört ein Stück weit nicht mehr sich selbst. Und sofern jemensch etwas wie eine Berufung und einen Daseinszweck verspürt, kann er ihm nicht mehr einfach folgen, welchen Ruf auch immer jemensch vernimmt, er muss ihn seinem leerläufigen Dienst, dem Reichtum derer, die ohnehin schon mehr haben als sie brauchen, unterordnen, ohne je die Gelegenheit zu erhalten, demjenigen Menschen tatsächlich etwas zu bescheren was ihm die Befriedigung beschert, die ihn wirklich Großzügig werden ließe, um nicht länger genötigt zu sein zu raffen und zu privatisieren. Was macht jene glauben, dass es Sinnvoll ist, wenn gerade sie die Geschicke der Welt lenken, dass sie auf diese Weise überhaupt eine Welt zu schaffen imstande sind, wo sie ihr größtes Glück zu erfahren in den Genuss kommen. Oder sind jene schlicht damit zufrieden, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, während die meisten anderen davon nur träumen können und sich ihrem Diktat unterordnen müssen? Wer von Zinsen lebt, interessiert sich selten für das Leben derer, die zahlen müssen.
Das Jubeljahr erinnert daran, dass wirtschaftliche Ordnung kein Naturgesetz ist. Sie ist gemacht – und damit auch veränderbar. Es erlaubt die Frage:
Wie viel Abhängigkeit wollen wir wirklich?
Und wie stellen wir sicher, dass Menschen nicht dauerhaft ausgeschlossen oder abgehängt werden?
Freiheit entsteht nicht durch totale Absicherung oder Kontrolle. Sie entsteht, wenn Menschen genug Vertrauen, Sicherheit und Zugehörigkeit erfahren, um solidarisch handeln zu können. Wenn Beziehungen wichtiger sind als reine Verwertung. Wenn Vielfalt nicht Bedrohung bedeutet, sondern Ergänzung.
Vielleicht geht es heute weniger darum, buchstäblich alle Schulden zu löschen. Aber darum, den Gedanken hinter dem Jubeljahr wieder ernst zu nehmen:
Kein Mensch sollte auf Dauer auf seine Rolle als Schuldner reduziert sein.
Und eine gerechte Gesellschaft ist eine, in der ein echter Neuanfang möglich bleibt – für alle.