In Deutschland herrscht Lehrkräftemangel. Zugleich werden Lehrkräfte ignoriert, die längst hier sind. Dabei bringen internationale und migrierte Lehrkräfte ein abgeschlossenes Lehramtsstudium und Berufserfahrung mit, dazu sprachliche, fachliche und transkulturelle Erfahrungen. Das wird für Schulen in einer zunehmend diversen Gesellschaft immer wichtiger, spiegelt sich im Lehrer*innenzimmer aber kaum. Die Veranstaltung fragt, wo und wie im Anerkennungsverfahren Ausschlüsse, Benachteiligungen und Diskriminierung entstehen.
Die Zahlen zeigen, wie hoch die Hürden sind: 2022 wurden nur 23,5 % der migrierten Lehrkräfte vollständig anerkannt. 76,5 % erhielten eine Teilanerkennung[i], oft mit umfangreichen Auflagen zur Nachqualifizierung. Lehrkräfte aus der Türkei bekommen seit einigen Jahren so gut wie keine Anerkennung mehr. An diesem Beispiel lassen sich strukturelle und biographische Mechanismen genau nachzeichnen. Zeitliche Dimensionen und epistemische Abhängigkeiten in Erwerb und Vermittlung von Wissen spielen dabei eine unerwartet große Rolle. Ihnen gehen wir nach.
Aufgrund der Hürden wählen internationale Lehrkräfte immer häufiger eine Alternative zum Schuldienst: die Kindheitspädagogik. Doch ohne Anpassungsqualifizierung geht es hier ebenfalls nicht. Können internationale Lehrkräfte in ihrem Herkunftsland in der Regel auch in der Kindheitspädagogik tätig werden, ist ihnen dieser Weg in Baden-Württemberg ohne Anpassungsqualifizierung verwehrt.
Das erwartet Sie an diesem Abend:
Dr. Rebecca Hofmann und Dr. Saskia Walther (PH Freiburg) zeigen aus der Alltagspraxis an der Hochschule, wie komplex das Thema der Lehramtsanerkennung und des Nachstudiums ist.
Zehlia Aybay und Nuriye Güzel (Autorinnenkollektiv „Epistemic Injustice“) berichten von ihren Erfahrungen als Lehrerinnen aus der Türkei im deutschen Bildungs- und Schulsystem.
Prof. Dr. Constantin Hruschka (EH Freiburg) ordnet diese Erfahrungen juristisch ein und zeigt Spielräume für rechtliche Beschwerden auf.
Manuela Müller (EH Freiburg) spricht über die Anpassungsqualifizierung Kipäd Plus als Alternative zum Lehramt.
Moderiert wird der Abend von Claudia Himmelsbach (PH Freiburg).
Wir laden ein: Entscheidungsträger*innen an Hochschulen, Studierende, Kolleg*innen und alle wissenschaftlich Interessierten, die über Anerkennung nicht nur sprechen, sondern Handlungsspielräume ausloten wollen.
Eine Veranstaltung des Instituts für Soziologie, Forschungsschwerpunkt "Flucht, Migration & Diskriminierung" in Kooperation mit dem Programm HOLA - Hochschulzertifikat für Lehrkräfte mit ausländischem Lehramtsabschluss und internationale Lehramtsstudierende an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und Kipäd plus – Bachelor Kindheitspädagogik für internationale Akademiker*innen der Evangelischen Hochschule Freiburg.
Der Veranstaltungsort ist barrierefrei zugänglich. Sprache: deutsch.
[i] Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (2023): Anerkennungsverfahren von Berufsqualifikationen aus dem Ausland im Jahr 2022.